Kambodscha kompakt 1: Unsere Erfahrungen vor Ort

Kambodscha ist ein kleines, in der Öffentlichkeit wenig beachtetes Land. Es wird vermutlich von nur wenigen Menschen genannt, die man nach ihrer Liste favorisierter Reiseziele fragt. Viele Schuh- oder Klamottenfabriken nähen hier für westliche Firmen, daher hat man als Deutscher in seinen Sneakers, Shirts oder Jeans bestimmt schon mal beiläufig den „Made in Cambodia“-Aufnäher in Augenschein genommen. Kleidungsstücke sind neben Reis so ziemlich die einzige Exportware des Landes. Dabei hat Kambodscha eine glorreiche Vergangenheit. Das Khmer-Reich reichte einst bis tief hinein in das heutige Thailand und Vietnam. Bombastische Tempel und Wasseranlagen zeugen bis heute von der damaligen Hochkultur. Im 15. Jh. besiegten die Thais jedoch endgültig das stolze Volk und von da an war es vorbei mit dessen Vormachtstellung. Besonders das 20. Jahrhundert hielt wenig Gutes für Kambodscha bereit und so kämpft das Land bis heute mit den Jahrzehnte-zurückreichenden Miseren.

Khmer Rouge

Neben der Kolonialzeit sowie dem Vietnamkrieg – zwei historisch markanten Eckpunkten im vergangenen Jahrhundert – waren die Herrschaft der sogenannten Khmer Rouge (bzw. roten Khmer) die traurigsten Jahre für Kambodscha. Zwischen 1975 und 1978 erlebte Cambodia den vermutlich schlimmsten Genozid seiner Geschichte. Innerhalb von 3 Jahren wurde ein Viertel der Bevölkerung dahingerafft – etwa 3 Mio Menschen. (Zum Vergleich: Während des dritten Reichs starben in Deutschland innerhalb von 15 Jahren schätzungsweise 5 Mio Menschen.) Nahezu alle Intellektuellen und Regime-Gegner wurden in dieser Zeit ermordet, um für den angestrebten Arbeiter- und Bauernstaat der Khmer Rouge unter Pol Pot die sogenannte „Stunde Null“ einer neuen Ära zu setzen. Bis heute hat sich das Land nicht richtig erholt. Vermutlich auch, weil mit den Hinrichtungen zahlreicher Intellektueller viel geistige Führungskraft und Fachwissen verloren gegangen sind. Doch die Problematik geht tiefer. All jenen, die sich umfassender mit dem Thema auseinandersetzen möchten, sei an dieser Stelle sehr das Buch Curse of Cambodia ans Herz gelegt.

Bevölkerung und Preisniveau in Kambodscha

Die Zeit hier hat uns gut gefallen, auch dank der vielen Begegnungen mit den charismatischen Einwohnern. Im Vergleich zu Thailand, Malaysia und Sumatra verfestigte sich jedoch (trotz der Freundlichkeit der Menschen vor Ort) bisweilen ein schlechtes Bauchgefühl: Allzu oft hatten wir den Eindruck, als Touristen wie Gelddruckmaschinen behandelt zu werden. Händler sahen in uns das schnelle, kurzfristige Geld, dachten nicht immer an langfristige, positive Effekte eines netten, ehrlichen Auftretens. Phantompreise, bei denen einem schon beim Hören die Lust am Handeln vergeht, waren auf unserer Reise durchs Land keine Seltenheit. Wir lasen vorab von Nähern, die am Tag einen einzigen US-Dollar Lohn ausgezahlt bekommen. Wir hörten von Monatsgehältern von unter 100 US-Dollar. Entsprechend rechneten wir mit einem Preisniveau deutlich unter Thailand. Doch weit gefehlt. Als Tourist wird man hier ordentlich zur Kasse gebeten. Für einen westlichen Geldbeutel ist der Urlaub zwar immer noch günstig, aber im Verhältnis zur Entwicklung des Landes wirken die Preise mancherorts unberechtigt. Die Kluft in Wohlstand und Entwicklung zwischen Land- und Stadtbevölkerung scheint immens zu sein.

Phnom Penh

Phnom Penh, die Hauptstadt Kambodschas, hat uns mit seinen vielen bunten Märkten, Bars, Restaurants sowie dem bei Nacht malerischem Mekong-Ufer sehr gefallen. Während Carsten die ersten Tage viel arbeiten musste, nutzten wir den zweiten Teil unseres einwöchigen Aufenthalts vollends aus.

Jeden Tag kauften wir frisches Obst und Gemüse auf dem nahgelegenen Markt und bereiteten das erste Mal auf unserer Reise in der Hotel-Küche an einer kleinen Herdplatte selbst Essen zu. Zudem nahmen wir gemeinsam mit zwei Mädels an einem Kochkurs im Sla Boutique Hostel teil, wo wir unter Anleitung eine süßsaure Fischsuppe, Austerngemüse und Kürbis-Kokos-Kompott zauberten. Ein einmaliges Erlebnis, welches pro Person nur 4$ kostete und den teureren Kochkursen in nichts nachstand. Allgemein war das Sla Boutique Hostel ein Volltreffer. Abends tranken wir Cocktails mit einem Pärchen aus London, das wir in der Hostel-Lobby kennen gelernt hatten, und tagsüber unternahmen wir Touren mit unseren Zimmer-Mitbewohnerinnen. Dies schloss einen Tagesausflug zu den Killing Fields mit anschließendem Besuch im Gefängnis S-21 ein.

Die Killing Fields waren während der Herrschaft der Khmer Rouge eine Art Konzentrationslager, wo Tausende von Menschen auf brutalste Weise starben. Da Munition zu teuer war, ließen sich die Khmer Rouge günstigere Tötungsprozeduren einfallen. Als Werkzeuge dienten daher in aller Regel Macheten oder auch gezackte Palmenblätter. Der sogenannte Killing Tree, an dem Knochen und Hirnreste von Babys und Kleinkindern hängten, schockiert wohl jeden Besucher am meisten. Tief berührt lief jeder für sich durch die Gedenkstätte, vorbei an ausgehobenen Massengräbern, mit einem Audio-Guide ausgestattet, welcher wertvolle Hintergrundinformationen und Zeitzeugen-Berichte lieferte. Tränen flossen und es fiel schwer, nicht bitterlich loszuweinen. Den Abschluss der Besichtigung bildete ein Stupa-Denkmal mit aufgetürmten Knochen der hier Getöteten.

Danach ging es weiter in das ehemalige Foltergefängnis S-21, das zuvor eine Schule war. Hier wurde die Ankunft jedes Inhaftierten genauestens dokumentiert – inklusive Portrait-Foto, jeweils bevor er das Gefängnis betrat sowie nach seinem Tod. Wir liefen durch die verschiedenen Räume und ehemaligen Zellen, sahen die ausgestellten Bilder, wo wir die Ausmaße der Quälereien und Folter zu Gesicht bekamen. Den Abschluss dieses Tages bildete ein Vortrag eines der letzten überlebenden Inhaftierten. Nach all den Informationen, die wir zuvor gelesen und gehört hatten, hatte sein Erscheinen eine unglaubliche Wirkung auf uns und wir mussten erneut gegen unsere Tränen kämpfen. Seine lieben Augen und seine unglaublich ruhige Ausstrahlung ließen schwer vermuten, was er alles während seiner Zeit im Gefängnis erlebt haben musste.

Sinahouk Ville

In Sinahouk Ville kam nach all dem Trubel und der Kultur in der Hauptstadt wieder Urlaubsstimmung auf. Strand, Meer, Sonne, … hierher zieht es viele Badeurlauber.

Beim Umherfahren per Scooter machten wir allerdings Bekanntschaft mit der hiesigen Polizei, die sich durchs Abkassieren der Touristen ein Zubrot verdient. Carsten wedelte mit der typischerweise verlangten 1-Dollar-Note ein wenig zu offensiv herum, weswegen wir der Korruption bezichtigt wurden. Zur Kompensierung des angeblichen Bestechungsversuchs wurden wir zur Zahlung eines willkürlich festgesetzten Bußgeld-Betrags von 5 US$ verdonnert. Nach einigem Herumgezetere zahlten wir widerwillig. Eine Quittung gab es selbstverständlich nicht.

Neben den wenigen Ausflugszielen für Touristen in und um Sinahouk Ville – wie dem Phsar Leu Market oder den Kbal-Chhay-Wasserfällen – eignet sich der Ort vor allem, um am Strand abzuhängen oder weiter auf eine der Inseln überzusetzen. Das taten wir. Erst das eine, dann das andere. Es ging nach Ko Rong Samloem, wovon wir bereits im letzten Artikel ausführlich separat berichteten.

Und nun?

“War das schon alles, was ihr in Kambodscha erlebt habt?”, wird sich jetzt so mancher fragen, der bei der Lektüre bis zum Ende durchgehalten hat. Nein, more to come… im bald folgenden, nächsten Artikel.

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