Kuala Lumpur: Making Things at Biji-biji

Nach unserem ersten Reise-Monat beschlossen wir, etwas länger an einem Ort zu verbringen. Wir wollten Zeit haben, Erlebtes zu verarbeiten. Außerdem wünschten wir uns, über den anfänglichen, oberflächlichen Smalltalk hinaus mit Locals in Kontakt zu kommen. In Kuala Lumpur verpflichteten wir uns daher für zwei Wochen als Freiwillige bei Biji-biji. Das Projekt fanden wir im Netz über die Plattform Workaway. Unsere Anfrage wurde prompt beantwortet. Innerhalb weniger Stunden war die Sache fix. Voller Neugier, was uns erwarten würde, machten wir uns dorthin auf den Weg…

Workaway: Arbeiten weltweit

Da wir mit einem kleinen Budget reisen, zogen wir von Anfang an in Erwägung, unterwegs gelegentlich zu jobben. Zum einen, um Kosten zu sparen, und zum anderen, um mehr Kontakt mit Einheimischen zu knüpfen. Bereits in Deutschland richteten wir uns als Paar ein Profil auf der Internet-Plattform Workaway ein. Dieses kostet 38 US-Dollar (gültig zwei Jahre, für Singles etwas günstiger) und ermöglicht den Austausch mit potentiellen Arbeitgebern. Bezahlung, Unterkunft,  Arbeitszeit und -dauer variieren dabei stark. Neben Workaway gibt es außerdem HelpX und Wwoof (World-Wide Opportunities on Organic Farms). Über letzteres war Michaela für einen Monat auf einem Weingut mit kleinem Hotel in Slowenien. Jedoch existiert hierbei für jedes Land ein eigener Anbieter, für den separat gezahlt werden muss. Außerdem konzentriert sich Wwoofing hauptsächlich auf ökologischen Landbau.

Wir durchforsteten also auf Workaway die verschiedensten, offenen Positionen von Hosts. Die Jobangebote sind vielfälig: Gesucht werden u.a. Gärtner, Musiker, Eventplaner, Arbeitskräfte für Marketing, IT sowie Kinderbetreuung und nach Freiwilligen, die Englisch unterrichten oder in Hostels helfen möchten. Dabei muss man kein Experte auf einem dieser Gebiete sein; es steht vor allem der kulturelle, aber auch fachliche Austausch im Vordergrund. Nachdem wir in China wegen Michaelas Armbruch nicht arbeiten konnten, probierten wir diese kostensparende Reisealternative in Malaysia erstmals aus.

Was ist Biji-biji?

Biji-biji ist ein Hybrid aus sozialer Initiative, gemeinnütziger Firma und Kommune. Vor Ort herrscht großer Tatendrang und man versucht sich in den verschiedensten Betätigungsfeldern. Uns faszinierte dabei vor allem das Bestreben, gleichzeitig Gutes tun und Gewinn erwirtschaften zu wollen.

Eine Selbstbeschreibung auf biji-biji.com klingt so:

English:
“The Biji-biji Initiative is a social enterprise that aims to share progressive ideas with everyone. We champion sustainable living, reuse waste creatively and we love collaborative production. By using discarded materials, basic electronics and passive building techniques we aim to inspire our surrounding with fresh and fun approaches to sustainable living. Our creations all come from our Open Workshop in Kuala Lumpur. If you would like to explore your ideas and collaborate with us, we have the space, tools and expertise to share with you! (…) As a social enterprise, we aim to involve as many people as we can in our project. (…)“
Deutsch:
“Die Biji-biji-Initiative ist eine gemeinnützige Firma, die das Ziel verfolgt, progressive Ideen mit jedermann zu teilen. Wir setzen uns für eine nachhaltige Lebensweise und die kreative Wiederverwendung von Abfall ein; außerdem lieben wir Zusammenarbeit. Indem wir weggeworfene Materialen, einfache Elektronik und passive Bautechniken einsetzen, wollen wir unsere Umgebung mit frischen und unterhaltsamen Ansätzen für ein nachhaltiges Leben inspirieren. Unsere Erzeugnisse kommen alle aus unserer offenen Werkstatt in Kuala Lumpur. Wenn du gern eigene Ideen entwickeln und gemeinsam mit uns arbeiten möchtest, dann haben wir den Raum, die Werkzeuge und die Expertise, die du hierfür benötigst. (…) Als gemeinnützige Firma möchten wir so viele Leute wie möglich in unser Projekt einbeziehen. (…)”

Das klingt zunächst nach einem hohen Eigenanspruch. Doch wir waren gepackt und hatten Lust, Biji-biji kennen zu lernen und unseren Teil beizutragen.

Ankunft und erster Eindruck

Als wir dort ankamen, erfuhren wir zunächst, dass – trotz allgemein großer Routine mit Volontären – alles etwas improvisierter ablief. Die Freiwilligen-Koordinatorin Nora war für sechs Wochen auf Pilgerfahrt nach Mekka aufgebrochen. Daher war nicht sofort klar, wer sich für uns verantwortlich fühlte. Frische Bettlaken für unsere ausgewiesene Doppelmatratze gab’s auch keine mehr, sodass erst mal die Waschmaschine angeschmissen wurde. Doch irgendwie fühlten wir uns trotz leichtem Chaos und Mückenplage wohl an diesem neuen Ort.

Das Projekt gibt es in seiner jetzigen Form erst seit zwei Jahren. Die unterschiedlichsten Menschen – Locals wie Ausländer – bringen sich ein und geben dem Ganzen seinen eigenen, charmanten Charakter. In zwei weiträumigen Häusern mit Hof und Gärten sind die unterschiedlichsten Werkstätten untergebracht, in denen eigene Erzeugnisse hergestellt werden: Aus ausgemusterten Anschnallgurten entstehen Taschen. Aus Glasflaschen, Holz-Paletten und Autoreifen werden Möbel gebaut. Entsprechend gibt es eine Nähwerkstatt, eine Schreinerei, eine Schweißerei, eine Löt- und Elektroecke und diverse Büros für das Administrative (Selbstmarketing ist ein wichtiges Standbein, um genug Freiwillige und zahlungskräftige Unternehmen zu werben). Wir packten sechs Stunden pro Tag bei anfallenden Aufgaben mit an und bekamen im Gegenzug freie Kost und Logis: Eine Win-Win-Situation.

Behind the curtain

Indem die Firma wirtschaftlich agiert, will sie laut eigenen Aussagen Mitmenschen aufzeigen, dass sich mit Müll auch Geld verdienen lässt. Damit – so die Hoffnung – tragen sie dazu bei, dass Abfall in der öffentlichen Wahrnehmung mehr als Rohstoff denn als Unrat betrachtet wird. Dem Müll soll ein Wert beigemessen werden. Der Recycle-Anteil der Endprodukte liegt dabei nur sehr selten bei 100%. Bei manchen Installationen, die im Auftrag angefertigt werden, wird gar überhaupt nichts wiederverwertet. Aber dann wird zumindest versucht, im Baumarkt vorrangig nachhaltige Werkstoffe wie Bambus- oder Kautschukholz einzukaufen, für die hoffentlich kein Regenwald weichen musste… Auch wenn natürlich nichts perfekt ist: Das Projekt ist einzigartig in seiner Umgebung! Nur wenige Firmen in Malaysia agieren nach ähnlichen Grundsätzen.

Gebaut wird meist für Festival- oder Kunstinstallationen. Da – wie überall anderswo auch – Geld verdient werden muss, werden auch Arbeiten von internationalen kommerziellen Konzernen angenommen, denen Biji-biji dann durch ihren Beitrag zum Green-Washing verhilft. Indem die PR-Agenten der Marktriesen nach Außen kommunizieren, ihre Firma arbeite mit einer Social Enterprise zusammen, die weggeworfene Materialen wiederverwerte, erkaufen sich die Firmen für ihr Image einen nachhaltigen Anstrich. Zu den Auftraggebern während unserer Anwesenheit zählten u.a. Maybank, Allianz, Heineken, aber auch diverse Werbe-Agenturen… Das kommende Video, das im Rahmen der Installation für Heineken entstanden ist, liefert einen guten Überblick…

Innerhalb von Biji-biji gibt es weitere Bestrebungen: Beispielsweise versucht man sich in Grundzügen der Permakultur, indem man eigene Gemüsegärten anlegt, Nutztiere hält und auch sonst viel für den Eigenbedarf herstellt.

Fazit

Die zwei Wochen in Kuala Lumpur vergingen wie im Fluge. Wir bauten Dinge, lernten jede Menge nette Menschen kennen, aßen unglaublich gute malaysische Fusion-Küche und hatten trotz allem Zeit für uns. Gleichzeitig inspirierte man sich unter den Freiwilligen gegenseitig für weitere Reiseziele. Wir schwärmten von China vor, andere erzählten uns von Indonesien oder Thailand. Eine tolle Zeit!

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