Liebe zu den Hutongs – Zwischen Moderne und Tradition

Micha-vor-Eingang

Während in zentralen Gegenden die Gebäude westlichen Städten in kaum etwas nachstehen, so herrscht in den Hutongs auf den ersten Blick eine verblüffende Einfachheit. Der Begriff Hutong stammt ursprünglich aus dem Mongolischen und wurde zu Zeiten der Yuan-Dynastie geprägt, welche mehr als 700 Jahre zurückreicht. Hutong bedeutet ursprünglich so viel wie Wasserquelle oder Brunnen, wo sich Menschen für gewöhnlich ansiedelten.

Überblick

Beijing ist bekannt für diese alten, traditionellen Gegenden, von denen die Stadt ursprünglich mehrere 1000 zählte. Sie müssen jedoch mehr und mehr dem Bau neuer Gebäudekomplexe weichen. Die verbotene Stadt liegt im Zentrum von Beijing, je angesehener eine Familie war, desto näher war ihr Siheyuan diesem Mittelpunkt. Als Siheyuan wird typischerweise eine in den Hutongs gelegene Wohnanlage mit vier einen Hof umschließenden Gebäuden bezeichnet, welche im Besitz einer Familie war. Um die Jahrhundertwende löste sich mit dem Kaiserreich auch die strikte traditionelle Wohnweise auf und brachte einen Wandel dieser Gegenden mit sich. Familienmitglieder bezogen Wohnungen außerhalb der Hutongs. Verfall aber auch Renovierungen veränderten die Gegenden nachhaltig.

Die Hutongs heute

Zu meiner Freude sind in den Hutongs viele öffentliche und kostenlose sanitäre Anlagen vorhanden, da nicht alle Häuser ihre eigenen Toiletten besitzen und sich diese daher nachbarschaftlich geteilt werden müssen. Für alle, die noch nicht in China waren: Toilette bedeutet zumeist ein Porzellan-verkleidetes Loch im Boden.

Die Straßen in den Hutongs sind vielfältig. Längst sind einige Hutongs zu Szenevierteln geworden, die zum Tummeln bei Tag und Nacht einladen. Mit seinen kleinen individuell gestalteten Läden, Cafés und Bars geben sie einem teilweise das Gefühl, man befände sich in einem hippen Berliner Kiez. Andere, weitgehend traditionell bewohnte Hutongs wiederum zeigen Menschen in modrigen Häusern mit kleinen provisorischen Essenständen, wo frisch zubereitete und äußerst leckere Speisen gekauft werden können.

Verkaufsstand
Verkaufsstand in einer einfachen Gegend – hauchdünnes Brot

Persönliche Erlebnisse

So verschieden die Hutongs auch sind, wir hielten uns oft und gern dort auf. Tagsüber um zu stöbern und einen Snack zu kaufen, nach Sonnenuntergang um in einem der zahlreichen Restaurants oder Bars den Abend zu genießen. Dabei entdeckten wir unter anderem exquisite Restaurants, welche rein vegetarische Speisen anbieten, aber ihrer Exklusivität entsprechend auch etwas teurer waren.

In einer der inzwischen berühmtesten, aber auch kommerziellsten Hutongstraßen (die Nanluoguxiang) kosteten wir Pekings traditionellen Joghurt. Von außen konnte man die Geschichte des Joghurts kaum feststellen, denn die Verpackung mit Kuhfleckenmuster war inzwischen auch in der Modernen angekommen und zerstörte schnell die Erwartung an eine klassische, chinesischen Verpackung. Die gewöhnungsbedürftige Konsistenz würden wir in Deutschland eher als wässrigen Pudding bezeichnen. In Kombination mit wahlweise (sehr süßen) roten Bohnen oder fruchtigen Mangos war es jedoch ein interessantes Geschmackserlebnis. Auf die Frage hin, wie alt der Joghurtladen sei, bekamen wir eine typisch chinesische Zeitangabe: „Sehr alt.“ Nach mehrmaligen Nachfragen, ob er 100 Jahre oder 1000 Jahre alt sei, bekamen wir nur ein verlegenes Lächeln und die Zahl 10 Jahre zur Antwort. :) Alt und neu in Peking ist scheinbar relativ.

Bei der Joghurt-Verköstigung
Bei der Joghurt-Verköstigung

Außerdem besuchten wir verschiedene Bars, in denen die älteste Bluesband Pekings spielte oder wir an einem „Drink & Draw“-Abend („Trinke & Zeichne) teilnahmen. Bei Letzterem konnten alle 10 Minuten wechselnde, posierende Models in sexy Dessous gezeichnet werden, während es nach Filmen benannte Cocktails und Erdnüsse gab. Natürlich konnte auch der Anblick der Models ohne künstlerische Verausgabung genossen werden, wie unsere Männer es taten. Am Ende des Abends wurde unter den Zeichnern ein Gewinner gekürt. Leider hat meine Portraitzeichnung bei der Jury keine bewundernden Worte ausgelöst. Aber zumindest hat meine Fähigkeit, mit der linken Hand zeichnen zu können, bei meinen Freunden nach anfänglicher Anerkennung auch zur heiteren Belustigung beigetragen.

Credits: Danke an Vermie für den zusätzlichen Input! 

 

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